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Nach einem guten Saisonstart war es für den FC zuletzt nicht so gut gelaufen. Viel Willen, viel Kampfgeist, aber eben auch etwas Unvermögen und eine große Portion Pech. Die Angst vor der nächsten Enttäuschung war am Spieltag mit Händen zu greifen, zumal der Gegner Borussia Dortmund hieß, die unbestrittene Nummer Zwei der Bundesliga.
Tatsächlich beginnen die Borussen mit einem Timing und einer Präzision, um die sie die Wiener Philharmoniker beneiden würden. Auch in Drucksituationen finden sie immer einen freien Spieler; der FC dagegen muss sich in gleicher Lage mit Befreiungsschlägen behelfen. Mit Leichtigkeit kreieren Gündogan, Weigl & Co. freie Räume im Rücken des Kölner Mittelfelds und eine permante Atmosphäre der Gefahr rund um den Strafraum der Gastgeber. Nach knapp 20 Minuten zirkelt Henrik Mkhitaryan dann eine Ecke auf den Elfmeterpunkt. Sokratis steigt am höchsten und köpft unhaltbar für Timo Horn ein. 0-1.
Seltsam genug nimmt Dortmund hiernach das Tempo aus dem Spiel, was dem FC erlaubt, besser ins Spiel zu kommen. Zwei Hereingaben, die knapp an Freund und Feind vorbeistreichen. Ein Kopfball von Sörensen, den Bürki famos zur Ecke lenkt. Ein nicht geahndetes Foul an Olkowski im Strafraum. Dortmund hat stets noch mehr Spielkontrolle und erzielt durch einen Distanzschuss von Julian Weigl beinahe das 0-2, aber der Ausgleich ist nun mehr eine vage, im Abendhimmel verdämmernde Hoffnung: er ist eine reelle Möglichkeit.
Der zweite Durchgang zeigt das gleiche Bild: ein kämpfender FC, eine konzentriert dagegen haltende Borussia. Aber langsam schwinden den Borussen, die bereits 29 Pflichtspiele absolviert haben, die Kräfte. Dem FC glückt es immer öfter, den Ballbesitzmaschinen von Thomas Tuchel in die Parade zu fahren, sie in die Zweikämpfe zu zwingen und gefährliche Angriffe zu lancieren. Das Spiel zwischen diesen hochbezahlten Profiensembles gleicht auf einmal jenen Kreisligapartien, in der technische Finessen als Schönspielerei abgetan werden, in denen Fußball vor allem Einsatz und Zweikampf Mann gegen Mann ist.
One thing is for sure: this match is a battle.
#effzeh #KOEBVB pic.twitter.com/Mk3UW5LLYY
— 1. FC Cologne (@fckoeln_en) December 19, 2015
Über dem Stadion ist es inzwischen Nacht geworden. Doch auf dem Rasen brennt es. Immer wieder peitscht die Kurve den FC nach vorne, immer wieder ertönt “Auf geht's, FC, kämpfen und siegen” oder “Allez, Allez, Erster Fußballclub Köln”. Angetrieben von einem nimmermüden Matthias Lehmann und einem überragenden Yannick Gerhardt wirft die Mannschaft nun alles nach vorne und sucht ihr Heil im offenen Schlagabtausch. Nur Präzision fehlt: viele vielversprechenden Angriffe versanden nach einem Fehlpass oder einer missglückten Annahme. Oder sie scheitern am glänzend parierenden Bürki, wie Yannick Gerhardt bei seinem Schuss in der 79. Minute. Aber es ist ein Kampfspiel, eine von Adrenalinschubs getriebene Schlacht, die an die Ursprünge des Fußballs im englischen Rugby erinnert und das Herz der Fans beider Klubs höher schlagen lässt.Keine feinsinnige Kombination, sondern ein Platzfehler leitet schließlich die Wende ein: Ein Pass von Bürki verspringt, im Rücken der Abwehr rauscht Simon Zoller heran, schnappt sich das Leder, stürmt auf das Tor zu und netzt ein. 1-1. Während Zoller mit nacktem Oberkörper zur Eckfahne sprintet und seine Freude in den Kölner Nachthimmel hinausschreit, bricht oben auf der Tribüne ein Jubel los, als ob der FC Deutscher Meister geworden wäre, als ob Gladbach und Leverkusen zugleich besiegt worden wären.
Wie die Klimax eines Actionfilms laufen nun die letzten Minuten vor dem Blick des staunenden, gebannten, begeisterten FC-Fans ab. Die vom eigenen Spiel berauschten Geißböcke setzen alles auf eine Karte und greifen weiter an. Vorerst kann die sichtlich angezählte Borussia ein Bollwerk aufbauen; das Spiel wogt weiter auf und ab. Dann die letzte Minute: Frederik Sörensen köpft den Ball aus dem Mittelfeld weit Richtung Dortmunder Tor, Julian Weigl springt über den Ball und der eingewechselte Anthony Modeste, ausgerechnet Modeste, riecht seine Chance, ist an der Strafraumgrenze schneller am Ball als zwei Verteidiger und hämmert ihn in die Maschen. 2-1.
In diesem Augenblick verwandelt sich das Stadion zum zweiten Male in ein Tollhaus. Mehr als 40.000 Fans fühlen dasselbe wie Anthony Modeste, der so lange nicht getroffen hat, der an sich selbst zu zweifeln begann und nun endlich den erlösenden Treffer erzielt hat. Wie batteriegetrieben rennt Modeste, der sich längst seines Trikots entledigt hat, über den Rasen und dreht mehrere Runden am Dortmunder Strafraum, bevor er ausgelaugt niedersinkt. Ein Sieg gegen den Tabellenzweiten, eine Umkehr des Trends der trostlosen letzten Wochen und 24 Punkte in der Winterpause---zu viel, um den Abstieg zu fürchten---sind nun greifbar nahe. Alles fällt sich in die Arme, Bierbecher fliegen in Massen und selbst aus dem Gesicht der größten Optimisten spricht Unglauben über diese unwirkliche, bilderbuchartige Wende.
JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!! @AModeste15 #KOEBVB #effzeh pic.twitter.com/LetpVDTWW3
— 1. FC Köln (@fckoeln) December 19, 2015
Zwei Minuten lang fliegen noch hohe Bälle zwischen Mittelfeld und Kölner Strafraum hin und her. Dann reißen elf Spieler und Zehntausende FC-Fans die Arme nach oben. Im abgedunkelten, von den Leuchtdioden tausender Handys erleuchteten Stadion erklingen FC-Hymne und Veedel-Lied und wird es sogar den im Stadion verbliebenen Dortmunder Fans warm ums Herz. Wie gigantische, hell erleuchtete Weihnachtsbäume thronen die Pylone über der Tribüne mit den feiernden Fans und über dem Rasen, auf dem die Spieler eine Ehrenrunde drehen und sich schließlich vor die Kurve werfen. Der Rest ist erleichtertes Lachen, Erinnerungsfotos mit den Umstehenden, Genugtuung, Freude und Dankbarkeit.
Ein Wunder war's, ein unbeschreiblich Wunder.
What an incredible win! To the #effzeh match report: https://t.co/4IfTz2gRcK
#KOEBVB pic.twitter.com/LbD7nDYbnj
— 1. FC Cologne (@fckoeln_en) December 19, 2015


